Missverständnisse unter Nachbarn

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Ich bin Österreicherin, habe in sechs Ländern gelebt und weit über 70 Länder bereist. Doch das einzige Mal, dass ich einen ernsthaften Kulturschock erlebt habe, war als ich ins Nachbarland mit der gleichen Sprache, nämlich nach Deutschland gezogen bin.

Nichts trennt Österreicher und Deutsche mehr als die gemeinsame Sprache. Diesen Spruch habe ich lange nicht verstanden. Ich bin selber Österreicherin, habe aber die ersten 19 Jahre meines Lebens nahe der deutschen Grenze verbracht, somit hatte ich auch als Kind immer Zugang zu den deutschen Fernsehkanälen. Wirklich viel Unterschied sah ich da sprachlich nicht. Ich wusste, dass die Deutschen uns teilweise nicht verstanden, aber andersrum war das doch so einfach. Ich verstand immer jedes Wort. Auch unsere Verwandten in der Nähe von Dresden hatte ich immer hundertprozentig verstanden. Zugegebenermaßen fand ich dieses Hochdeutsch nie sehr attraktiv, aber ich war der Meinung, ich könnte mich perfekt nach der Schrift (unsere Bezeichnung für Hochdeutsch) ausdrücken, wenn ich denn nur wollte. Ich hatte in Portugal, Frankreich und den USA gelebt und mich immer problemlos eingelebt. In der Bewerbungsphase lernte ich als erstes, dass ich das Wort Hauptschule aus meinem Lebenslauf verbannen musste. In Österreich gibt es nur Gymnasium oder Hauptschule – zumindest zu meiner Schulzeit. Die Art der Schule, die man besuchte, ergab sich im Wesentlichen aus der geographischen Nähe. Qualitativ war da nicht unbedingt ein Unterschied und danach wechselte ich ohnehin auf die Handelsakademie, wo ich die Matura (Abitur) ablegte.

Erster Job in Deutschland

Nun hatte ich den ersten Job in Deutschland und war erstaunt, als ich ein paar Tage vor Antritt ein Schreiben bekam, ich sollte doch die Informationen zu meiner Krankenversicherung mitbringen. Ich war davon ausgegangen, das erledigte – so wie in meinem Heimatland Österreich – der Arbeitgeber. In Österreich gibt es Privatversicherungen nur zusätzlich zu der gesetzlichen Pflichtversicherung und bei letzterer kann man nicht auswählen, sondern es gibt nur eine pro Bundesland. Die Lauferei begann, denn wo anfangen? Noch dazu war ich über ein Jahr lang in den USA versichert gewesen und somit hatte ich keinen Anspruch auf die gesetzliche Krankenversicherung, sondern musste in die private. Und dazu musste ich jeden Facharzt abklappern und mir meine Gesundheit in seinem Fachgebiet bestätigen lassen. Uff, Bürokratie pur. Der erste Brief, den ich nach meiner offiziellen Anmeldung an meine neue Adresse bekam, stammte von der Kirchenbeitragsstelle – so viel zur Trennung von Staat und Kirche.

Kurz nachdem ich meinen ersten Job in Deutschland angetreten hatte, wurde ich in das Büro des obersten Chefs zitiert, der sich die Mühe machte und jede unserer Emails ausgedruckt durchlas und mit Kommentaren versah. Dass dies nichts typisch deutsches, sondern etwas sehr firmenspezifisches war, wurde mir schnell klar. Ich bekam mitgeteilt, dass man keine Mitarbeiter einschult, denn eine Einschulung (unser Wort für Schulung) gäbe es in Deutschland nur einmal im Leben und das mit einem Alter von 6 Jahren. Außerdem wurde mir verboten, das Wort „ersuchen“ zu schreiben. Bei uns ist dieses Wort gleichgesetzt mit „bitten“. Und „weiters“ sollte ich durch „außerdem“ ersetzen. Und das war erst der Anfang. Uff. Wer hätte das gedacht. Dass Deutsche nicht viel mit Paradeisern, Marillen, Obers, Germ, Fisolen, Ribisel, Topfen, Kren, Karfiol und dergleichen anfangen konnten, war mir ja schon klar gewesen.

Nur eine richtige Grammatik?

Sprachlich musste ich mich mehr umstellen, als ich mir erträumt hatte. Meine Freunde meinten, andere Worte seien okay, aber andere Artikel ließen mich nicht gerade intelligenter dastehen, ganz im Gegenteil. Sie wollten mir auch stets beweisen, dass es nur eine richtige Grammatik gab, nämlich die ihre und mussten zu ihrer Verwunderung feststellen, dass selbst laut Duden die österreichischen Artikelunterschiede (das Monat, das Keks, das Cola, das Email) offiziell vermerkt sind. Alle französisch klingenden Worte, die wir häufig verwenden, musste ich auch sofort aus meinem Vokabular streichen, so wie Parterre, Trottoir, Plafond, touchieren, Garconniere. Das typischste anti-alkoholische Getränk bei uns ist ein Obi gspritzt, was einer Apfelsaftschorle entspricht. Auch für den Orangensaft verwenden wir oft noch den Markenbegriff Cappy. Und das Klebeband heißt bei uns Tixo, der Schnellkochtopf Kelomat, Salzgebäck Soletti und Schokoküsse Schwedenbomben. Also doch bedeutend mehr Umstellung für mich als erwartet. Als ich einmal das Wort Stiegenhaus erwähnte, kam als Antwort „ das Lokal kenne ich gar nicht“. Daraufhin entschied ich mich doch dafür, das Stiegenhaus in Zukunft mit dem deutschen Begriff Treppenhaus zu bezeichnen.

Deutsche sind Weltmeister der direkten Kommunikation

Die allermeisten Probleme hatte ich jedoch nicht mit einzelnen Worten oder Ausdrücken, sondern mit der sehr direkten Kommunikation, in welcher die Deutschen meiner Meinung nach Weltmeister sind. Die vielen Neins hatte ich anfänglich dahingehend interpretiert, dass die Deutschen noch negativer als die Österreicher eingestellt sind (bis dahin hätte ich nie für möglich gehalten, dass einem grantigen Wiener überhaupt jemand Konkurrenz machen kann!). Erst nach und nach hatte ich verstanden, dass es durchaus nicht immer persönlich gemeint ist, sondern einfach normal, seinen Unmut oder Unwillen in Deutschland mit einem deutlichen Nein, egal wo und in welcher Situation, kund zu tun. Ein klares Nein wird man in Österreich bedeutend seltener zu hören bekommen, normalerweise wird es irgendwie umschrieben.

“Zweideutig und schleimig”

Für mich war es sehr interessant, dass dieses Um-den-heißen-Brei-herumreden und Zwischen-den-Zeilen-lesen von Deutschen oft als Falschheit ausgelegt wird. Der österreichische Oskarpreisträger Christopher Waltz wurde einmal zu den Unterschieden zwischen Deutschen und Österreichern befragt, seine Antwort darauf lautete „in der Kultur und Kommunikation… ist der Unterschied so groß wie der zwischen einem Schlachtschiff und einem Walzer. Österreicher tendieren dazu, sich ihr Leben einfacher zu machen”, meinte der Schauspieler. “Sie sind sehr höflich, meinen es aber nicht so.” Laut Waltz sei das aber nicht negativ zu verstehen. “Es ist eine Art der Kommunikation und des Austausches – und dazwischen nimmt man dann einen Schluck, was kann da schiefgehen.” Deutsche hingegen gingen auf Konfrontation und sagen alles direkt so, wie es ist. “Das hat selten eine Art von Anmut, Melodie oder Rhythmus”, so der gebürtige Wiener. “Alles andere wäre für sie zweideutig und schleimig – und ich bin höchst zweideutig und schleimig.”

Österreichische Gemütlichkeit oder …

Ein Kollege meinte anfangs, wir Österreicher seien so langsam. Zuerst fühlte ich mich immer persönlich angegriffen, denn ich verstand es immer als rückständig und während meiner Zeit in den USA musste ich regelmäßig klarstellen, dass wir in Österreich auch Strom haben und es ein ausgebautes Straßennetz gibt, so dass wir nicht auf den Kühen über Stock und Stein zur Schule reiten müssen. Erst nach und nach verstand ich, dass damit die österreichische Gemütlichkeit gemeint war und dass wir Vertrauen viel weniger über Schriftstücke, Verträge oder Testberichte aufbauen als über den persönlichen Kontakt. Beziehungsorientierung kommt vor Sachorientierung. Netzwerken ist bedeutend wichtiger als in Deutschland und leider gleitet das sehr oft in Freunderlwirtschaft ab. Aber es dauert deutlich länger, Vertrauen in Österreich aufzubauen und somit sind die Beziehungspflege und der -aufbau unumgänglich, um erfolgreich zu sein.

… deutsche Pünktlichkeit

Und was Pünktlichkeit angeht, musste ich mich auch umstellen. Als ich zu Terminen mit Arbeitskollegen in Paris war und wir um 9 Uhr morgens losfahren wollten zu unserem Kundentermin, kam ich auch um 9 Uhr (oder war es kurz danach?) an die Rezeption. Meine beiden Kollegen waren schon da und sahen mich verstimmt an, was ich nicht verstand. Ich nahm mir vor, am nächsten Tag überpünktlich zu sein und war bereits fünf Minuten vor 9 Uhr unten. Die beiden Kollegen waren wieder vor mir erschienen, aber der verstimmte Blick fiel diesmal aus. Da erst verstand ich, dass das nicht wie bei uns heißt, ich erscheine gegen 9 Uhr sondern ich komme so, dass wir um 9 Uhr oder auch schon kurz vorher losfahren können, das gleiche gilt auch für Meetings. Ich war gewohnt um die Zeit der vereinbarten Stunde zu erscheinen, was aber natürlich heißt, dass das Meeting natürlich erst kurz danach beginnen kann. Dagegen gilt es in meinem Kulturkreis als äußerst unhöflich, zu früh zu einem Treffen zu erscheinen, während ich das in Deutschland immer wieder erlebe. Auch heute noch wirft mich das oft völlig aus meinem Konzept.

Der Österreicher-Bonus

Etwas was ich mit großer Befremdung feststellte, das jeder Deutsche ab 40 Jahren meine 18.000 Einwohner kleine Geburtsstadt kennt. Ich bekam das Gefühl, es gibt drei österreichische Städte, die jeder gute Deutsche sofort aufzählen kann: Wien, Salzburg und Braunau – letzteres ist meine Geburtsstadt und was den wenigsten Österreichern geläufig ist, ist die geschichtliche Bedeutung als Geburtsstadt von Adolf Hitler. Ich fand es sowieso brüskierend, dass Deutsche im ersten Satz einer Konversation mit mir sofort den Bogen – noch im gleichen Satz – vom köstlichen Kaiserschmarrn zu Adolf Hitler spannen können. Aber während wir Österreicher ja ein sehr gespaltenes Verhältnis zu unseren deutschen Nachbarn haben und Deutsche leider durchaus nicht immer vorurteilsfrei aufgenommen werden, stellte ich fest, dass ich sogar von einem sehr positiven Österreicher-Bonus profitieren kann. Wobei ich nach den ersten Monaten bereits das Gefühl hatte, die Millionen Österreicher-Witze kenn ich jetzt alle und ja, wir sprechen anscheinend niedlich aus deutscher Sicht/Hörweise.

Wiener und Berliner

Nach fünf Jahren Hamburg (dort, wo ich auch meine Kulturschock erlebte) und einem genauso langen Aufenthalt in Norditalien wohne ich nun in Berlin und was mich hier fasziniert: Es geht noch direkter und gradliniger. Nur während dieses immer wiederkehrende Thema der Berliner Schnauze den restlichen Deutschen aufzustoßen scheint, finde ich das schon so überzogen, dass ich es gar nicht mehr ernst nehmen kann. Ich sehe sogar viel Gemeinsamkeit mit den grantigen Wienern und den groben Berliner: harte Schale, weicher Kern (wenn man es denn dann schafft, dazu vorzudringen). Aber es gibt immer noch unzählige Begriffe, die ich immer noch vermisse u.a. „heuer“ und „es geht sich aus“ und v.a „sich durchwursteln“, denn das funktioniert in Österreich immer.

Susanne Braun
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