In den Schuhen eines anderen laufen

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Bald haben Sie es mit indischen Kolleginnen und Kollegen zu tun. Zum ersten Mal. Sie haben schon gehört, dass die irgendwie anders sind. Aber was das genau heißt, das wissen Sie nicht. Sie haben beschlossen, ein interkulturelles Training zu buchen. Denn interkulturelle Kompetenz für Indien muss her.

Das kommt gleich. Lassen Sie sich bitte zuerst auf einen kleinen, völlig harmlosen Test ein. Finden Sie in einem Selbstversuch heraus, ob Sie schon interkulturelle Kompetenz haben.

Mitmachen!

Bitte nehmen Sie den Zeigefinger Ihrer Schreibhand und schreiben Sie sich ein großes E auf die Stirn. Nicht überlegen. Los geht’s. Sie können das. Ist ganz einfach.

In welche Richtung haben Sie das E geschrieben? So, dass Sie es lesen können oder jemand, der Sie anschaut? E oder E seitenverkehrt? Es gibt kein richtig oder falsch.

Aber Wissenschaftler haben herausgefunden, dass das E Auskunft gibt über die Veranlagung, die Perspektive der Anderen in die Meinungsbildung miteinzubeziehen. Wer sein E so schreibt, dass sein Gegenüber es lesen kann, tut sich leicht, vielfältige Anschauungen in Betrachtung zu ziehen. Er hat die anderen im Blick und schaut nicht nur auf sich. Er hat tendenziell mehr interkulturelle Kompetenz.

Andersheit in den Blick nehmen

Indianer sagen, dass man erst einmal ein Stück in den Schuhen eines anderen Menschen gelaufen sein muss, um ihn zu verstehen. Bestimmt kennen Sie diese Weisheit. Aber stellen Sie sich mal vor, Sie müssen mit Schuhen rumlaufen, die Ihnen nicht gehören. Zu klein, zu groß, ausgelatscht, zu eng. … Es ist unbequem, tut weh, weil die Schuhe nicht passen. Aber mit der Zeit geschieht Umwandlung. Sie hinterlassen ebenso einen Abdruck wie der, von dem Sie die Schuhe übernommen haben.

Da sind wir beim Kern angelangt.

Interkulturelle Kompetenz bedeutet, nicht nur in der eigenen Kultur zurechtzukommen, sondern auch in einer anderen. Dazu ist es nötig, die Menschen einer anderen – zunächst fremden, weil noch unbekannten Kultur – so zu verstehen, wie sie sich selbst verstehen.

Jenseits der Klischees! Das ist ein hartes Stück Arbeit. Um im Bild zu bleiben: Wir müssen lange Zeit in den Schuhen der anderen laufen, viele Kilometer.

Das jeweils andere, das gerade die unverwechselbare Identität ausmacht, kommt in den Blick. Andersheit schafft Konfrontation, sie fördert aber auch einen perspektivischen Zugewinn. Der andere kann mir zum Beispiel durch seine Sicht der Dinge eine Erkenntnis schenken, auf die ich alleine nie gekommen wäre. Genau das ist wichtig in Sachen interkultureller Kompetenz.

Wer das E für andere sichtbar geschrieben hat, scheint neugierig auf andere zu sein. Aufgeschlossen, offen, neugierig.

Interkulturelle Kompetenz

Für Indien beispielsweise ein klarer Vorteil, weil Vielfalt und Kontrast zur Grundmelodie dieses Landes gehören. Nichts scheint eindeutig, es gilt immer das eine und das andere. In Indien herrscht das Paradigma des sowohl als auch. In unserem vom griechischen Denken geprägten westlichen Weltbild regiert das Entweder-Oder. Relativ vs. eindeutig, relativ vs. absolut.

Interkulturelle Kompetenz Indien ist gefragt, gerade auch mit Kollegen und Geschäftspartnern. Oft sind die Missverständnisse, die zu Reibereien und Verzögerungen führen, durch Kultur bestimmt. Doch leicht tappen wir in die Falle, die anderen für dumm oder gar arglistig zu halten. Die funktionieren nicht so wie wir meinen, dass sie es sollten.

„Ja, legt sich der denn nie fest? Kann der nicht einfach mal Position beziehen? Alles völlig unverbindlich. Mich nervt das kolossal“, klagt ein Teilnehmer in meinem interkulturellen Training.

Cool down, nüchterne Analyse und Blick auf den Faktor Kultur helfen weiter. Jahrtausende alte Traditionen sind hier auf beiden Seiten am Werk. Nicht Bosheit oder Dummheit. Interkulturelle Kompetenz Indien heißt auch: Stopp sagen! Nachdenken, ob vielleicht die unterschiedliche kulturelle Prägung der Grund dafür ist, dass die Kommunikation nicht rund läuft.

Dr. Simone Rappel
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Bild: 123rf.com/leevison

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