Indien – Kulturschock aus Sicht eines Kindes

Feste und Feiertage in Indien

Als ich zehn Jahre alt wurde, beschlossen meine Eltern über die Arbeit meines Vaters für zwei Jahre nach Indien zu ziehen. Ich war begeistert von der Idee, wieder aus Deutschland wegzuziehen. Vor allem, da es wieder nach Asien ging. Und dann auch noch nach Indien! Aufregender hätte es nicht sein können. Also wurden die Sachen gepackt und wir machten uns auf den Weg nach Neu Delhi. Während des gesamten Fluges freute ich mich darauf, endlich wieder im Ausland zu sein, doch als wir am Flughafen in Delhi ankamen, erlebte ich meinen ersten, richtigen Kulturschock.

Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit endlich durch die Passkontrolle gekommen waren und unser Gepäck geholt hatten, traten wir aus dem Flughafengebäude. Die Atmosphäre war überwältigend. Zwar war es mitten in der Nacht, doch ich kann mich genau daran erinnern, dass tausende von Wahrnehmungen gleichzeitig auf mich einströmten.

Eine davon war die Masse an Menschen, die vor dem Flughafengebäude wartete. Darunter waren Fahrer, die irgendjemanden abholen sollten oder auch Familienmitglieder, die sich auf die Rückkehr ihres Liebsten freuten. Erschreckend waren in meinen Augen die vielen Lepra-Kranken, die neben den hochmodernen Glastüren von Terminal 2 des Indira Gandhi International Airport auf dem Boden saßen und nach etwas Geld bettelten. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Wieso haben die denn keine Hände? Wieso haben die keine Füße? Die Armen! Nicht hinschauen, nicht hinschauen, das ist unhöflich!“. Diese waren jedoch nicht die einzigen Bettler. Kinder, jünger als mein kleiner Bruder, der damals sechs Jahre alt war, streckten die Hände nach uns aus und schrien nach etwas Geld.

Obwohl ich es als unhöflich empfand die kranken und körperlich behinderten Menschen anzustarren, hatten diese offensichtlich kein Problem damit, die drei hellhäutigen und blonden Kinder, die Hand in Hand und mit schockierten Gesichtern ihrem Vater hinterherliefen, ungeniert anzustarren.

Wir flogen damals während der Sommermonate nach Indien, es war also sehr heiß und vor allem sehr schwül, was natürlich bei dem durchdringenden Gestank nicht gerade förderlich war. Und dann gibt es in Indien noch die Kofferträger, die am Flughafen den Touristen die Koffer abnehmen, diese bis zum Auto tragen und dafür dann etwas Geld verlangen. Davon wusste ich jedoch nichts und ich hatte beinahe einen Panikanfall als ein paar indische Männer meinem Vater die Koffer abnahmen. Meine Mutter beruhigte mich jedoch recht schnell und erklärte mir das ganze Prinzip.

Die nächste Panik bekam ich bei der Feststellung, dass eine fünfköpfige Familie mit fünf großen Koffern plus Handgepäck nicht in ein einzelnes Taxi passt, also brauchten wir zwei. Das hieß, dass wir getrennt fahren mussten, was mir ganz und gar nicht gefiel, doch wir schafften es, gesund im Firmenapartment anzukommen. Da es mitten in der Nacht war, bekamen wir noch nicht den vollen Eindruck des verrückten, indischen Straßenlebens, doch ein paar Kühe sahen wir trotzdem schon am Straßenrand. Im Firmenapartment meines Vaters angekommen, fiel ich todmüde in mein Bett, überwältigt von allem, was ich gerade gesehen hatte.

Die Erlebnisse, die ich gerade beschrieben habe, mögen sehr negativ klingen, doch das waren sie nicht unbedingt. Die Ankunft am Flughafen war einfach überwältigend und etwas total Neues, etwas, das mich noch bis heute – acht Jahre später – zutiefst beeindruckt.

Als ich am darauffolgenden Morgen aufstand und aus dem Fenster schaute, sah ich zwei Kühe, die am Straßenrand im Schatten eines Baumes ein Nickerchen machten, und Kinder, die im Park Kricket spielten. Die Atmosphäre war angenehm, das Wetter war warm. Wir frühstückten und machten uns daraufhin auf den Weg, den nahe gelegenen Markt zu erkunden. Zwar fielen wir als hellhäutige Familie ziemlich auf, doch der Markt war wunderschön und ich wusste, dass es mir in diesem Land gefallen würde.

Während der nächsten Tage machten wir uns daran, die Gegend zu erkunden. Ich mochte was ich sah, alles war aufregend. Straßenhunde, Kühe, zum Teil sogar Elefanten und Kamele, alles gab es. Die Farben waren wunderschön, das Essen war lecker und die Atmosphäre war einfach toll. Natürlich gab es auch Schattenseiten, wie zum Beispiel die Armut oder der Müll auf den Straßen, oder dass es immer laut war. Doch trotz alledem waren die Menschen glücklich und lachten uns an. Ich war fasziniert! Dieses Land hatte mich, trotz des anfänglichen Schocks am Flughafen, komplett in seinen Bann gezogen.

Indien hat viele beeindruckende Seiten, die ich alle nach und nach kennenlernte. Dazu gehörten auf alle Fälle das Holi-Festival, sowie verschiedene Märkte. Bei einer indischen Hochzeit durfte ich dabei sein, ich habe bei Stromausfällen geschwitzt und Staus miterlebt, die durch eine auf der Straße schlafende Kuh verursacht wurden. Ich habe auf dem Ganges eine Wildwasser-Schlauchboot-Tour mitgemacht, bin in indischen Autorikschas mitgefahren und habe in Südindien Elefanten gewaschen. Auch der Himalaya, den man mit dem Übernachtzug bequem aus Delhi erreicht oder der Besuch des Taj Mahal dürfen bei einem Indienaufenthalt nicht fehlen. Doch wie sagt das Sprichwort so schön? „Wo viel Licht ist, ist auch Schatten“. Die Armut konnte man überall sehen, und auch die Verschmutzung durchzieht das ganze Land. Allerdings gewöhnt man sich daran und zudem habe ich, wie viele andere, bei einem Hilfsprojekt getan was ich konnte.

Dieses Land mag anfänglich ein großer Schock sein, doch wenn man es richtig kennenlernt, dann sieht man, dass die meisten Menschen glücklich sind. Trotz der Schattenseiten ist mein Aufenthalt in Indien das Faszinierendste, was ich bisher erlebt habe und ich möchte die Zeit dort auf keinen Fall missen.

Rebecca Roth*

 

*Name von der Redaktion geändert
Bild: © iStockphoto.com/EthanTremblay

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