Kommunikative Gepflogenheiten

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Kommunikative Gepflogenheiten können für Menschen aus anderen Ländern sehr herausfordernd sein. Ein Beispiel bietet der eher distanzierte Umgang vieler Deutscher.

Mein eigener Eindruck, das Deutsche auf eine offene Zugangsweise meist eher verschreckt, manchmal sogar abgeschreckt, reagieren, wird regelmäßig von anderen „Zuwanderern“, besonders jenen aus angelsächsischen Kulturen, bestätigt. Als Nicht-Deutscher gewinnt man dann leicht den Eindruck, dass der Deutsche sich fragt: „Was will der/die denn von mir“? Und wenn man selbst einfach nur freundlich sein, auf den Menschen zugehen wollte, kann solch eine Reaktion unverständlich, sogar verletzend sein.

Und schon ergibt sich, wie so oft zwischen Menschen aus anderen Kulturen, ein kommunikatives Dilemma. Ein eigentlich unnötiges Problem. Eine manchmal nicht unproblematische Situation. Eine gewisse Hilflosigkeit auf beiden Seiten, die sich dann plötzlich konsterniert gegenüber stehen.

Begegnungen im Wald

Ich laufe gerne in der Natur. Das mache ich so oft ich kann. Beim Laufen begegnet man oft anderen Menschen. Joggern wie ich, Menschen, die spazieren gehen, oder solchen, die ihre Hunde ausführen. Bei diesen Begegnungen ist ein interessanter, kultureller Unterschied zwischen Angelsachsen und Deutschen festzustellen.

Wenn sich nämlich Menschen z.B. in Kanada auf einem Wald- oder Parkweg begegnen, suchen sie den Blickkontakt und sagen „Hi“ oder „Hello“. Die meisten Deutschen sagen nichts, schauen oft sogar möglichst woanders hin, um den Blickkontakt zu vermeiden.

Als ich das letzte Mal in Urlaub zu Hause in Kanada war, musste ich mir diese Gepflogenheit des Begrüßens regelrecht wieder antrainieren. Denn die Menschen, die mir begegneten, sagten „Hi“ zu mir und schauten mich an. Dabei wurde mir erst bewusst, wie ungewohnt mir diese Form der kanadischen Etikette geworden war. Wie anders deutsche Verhaltensweisen in dieser Situation sind.

Unbekannte grüßen

Nach meiner Rückkehr (jeder Urlaub geht leider zu Ende) ertappte ich mich die ersten Wochen oft dabei, diese kanadische Gepflogenheit hier auszuüben. Ich verdutzte regelmäßig Leute, die ich „einfach so“ grüßte, wenn sie mir beim Laufen im Wald begegneten. Ich hatte den starken Eindruck, dass die meisten Deutschen mein freundliches Lächeln, den Blickkontakt und das „Hallo“ oder „Guten Morgen/Tag“ irgendwie nicht so gut fanden – jedenfalls nach den konsternierten Blicken und verwirrten Lauten, die sie von sich gaben, zu urteilen. Ungefähr die Hälfte der von mir begrüßten Menschen ignorierten mich gänzlich.

Mögliche Schlussfolgerungen, die ein englischsprachiger Mensch daraus ziehen könnte, sind offensichtlich. Nämlich: Die Deutschen sind unfreundlich/unhöflich/arrogant/unnahbar. Für jemanden aus einem Kulturkreis, im welchem Höflichkeit eine wichtige Rolle spielt, ein schweres Manko, das keine vorteilhafte Sichtweise auf deutsche Menschen fördert.

Ich gestehe, dass ich das Grüßen beibehalten habe – auch wenn manchmal verdutzte Blicke kommen. Einige Menschen grüßen zurück. Das ist schön.

Patricia Hinsen-Rind
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Bild: © iStockphoto.com/nilsz

XCA-Mitarbeiter

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