Kulturelle Unterschiede Polen und Tschechien
Während in Deutschland eine Zusammenarbeit meist auf sachlicher Basis entwickelt wird, sind in Polen und Tschechien Kooperationen bereits dann erfolgreich, wenn eine gute Geschäftsbeziehung erreicht wurde.

Für den gesamten osteuropäischen Kulturraum gilt, dass im gesellschaftlichen wie im wirtschaftlichen Leben die Beziehungsebene die Sachebene beherrscht, d.h. einem harmonischen Miteinander wird oberste Priorität eingeräumt. Um zu seinen polnischen oder tschechischen Geschäftspartnern die für den Erfolg essentiellen persönlichen Beziehungen aufzubauen, sollte man es im Umgang miteinander nie an Erkundigungen nach der Familie, kleinen Geschenken und ausdrücklichen Dankesworten fehlen lassen. Auch gewisse Kenntnisse in der Landessprache oder der Kultur bringen hier mehr als anderswo auf der Welt echte Pluspunkte. Besonders wichtig im Umgang mit Polen oder Tschechen ist, dass die Vorteile einer geschäftlichen Kooperation stets für beide Seiten im Gleichgewicht sind. In Verhandlungen ist es daher emfpehlenswert, immer wieder die möglichen Erfolge für beide Seiten klar herauszustellen.
Eine Zusammenarbeit oder ein Projekt wird in Deutschland in der Regel auf einer sachlichen Grundlage entwickelt. In Polen und Tschechien sind Kooperationen bereits erfolgreich, wenn eine gute Geschäftsbeziehung erreicht worden ist. Selbst wenn die Zahlen keinen echten Projekterfolg widerspielgen, wird diese Beziehung langfristig geschätzt und gepflegt. Auch hier ist klar ersichtlich, welche Prioritäten in der Geschäftskultur dominieren.
Höflichkeit ist Teil der polnischen Mentalität
Gespräche mit Polen und auch mit Tschechen verlaufen prinzipiell sehr höflich und weniger direkt als in Deutschland. Verbale Auseinandersetzungen sollten in Meetings daher nach Möglichkeit vermieden werden, um die persönliche Beziehungsebene nicht zu gefährden. Denn bei auftretenden Meinungsverschiedenheiten lässt sich aus osteuropäischer Sicht die Sachebene kaum von der Beziehungsebene abkoppeln. Streitet man sich also mit einem Tschechen oder einem Polen über ein geschäftliches Detail, trifft man ihn zwangsläufig auch persönlich. Folglich muss immer für eine harmonische Atmosphäre gesorgt sein, bevor man ein Problem offen ansprechen kann. Alles andere kann die gesamte geschäftliche Beziehung in Gefahr bringen.
Spielraum für Unvorhergesehenes
Polen und Tschechien zählen zu den polychronen Kulturen, was sich dadurch bemerkbar macht, dass in der Regel mehrere Dinge zur gleichen Zeit erledigt werden. Das auf diesem Zeitverständnis basierende Verhalten wird von Deutschen häufig als chaotisch und unübersichtlich interpretiert. Für polychrone Kulturen steht aber im Vordergrund, möglichst viel Spielraum für Unvorhergesehenes zu haben. Gleichzeitig fällt auf, dass sich in den Geschäftskulturen wie Polen oder Tschechien der Blick auf die Gegenwart richtet und man nicht gerne in die Zukunft plant. So gibt es beispielsweise bei einem Meeting selten vorab eine Agenda, die anschließend Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Statt dessen lässt man sich eher treiben. Gelangt man auf diese Weise von einem Thema zum anderen, werden spontan die entsprechenden Informationen gegeben.
Verhaltensregel Nr. 1: Signale beachten lernen
Während die Deutschen solche vereinzelt in den Raum gestreuten Informationen nicht wirklich registrieren, reicht Polen und Tschechen diese Art der Informationsverteilung vollkommen aus. Sie picken die nach und nach gegebenen Einzelinformationen auf und fügen sie zu einem stimmigen Gesamtbild zusammen. Ihre deutschen Geschäftspartner hingegen warten vergeblich auf eine klärende Zusammenfassung. Ihr fehlender „Durchblick“, um sich ein Gesamtbild zu erschließen, kann deutschen Managern in Polen oder Tschechien leicht Schwierigkeiten bereiten. Sie sind einfach nicht in der Lage, alles aufzunehmen, was um sie herum geschieht.
Das Prinzip der Holschuld
Grund für Auseinandersetzungen zwischen Polen, Tschechen und Deutschen liefert auch das Thema Pünktlichkeit. Zwar kommt man auch in Polen und Tschechien zu geschäftlichen Verabredungen in der Regel pünktlich. Langfristige Termine, die in ferner Zukunft liegen, werden aber in der polnischen oder tschechischen Kultur prinzipiell eher als grobe Richtlinien betrachtet. Zwar ist man bemüht, den vorgegebenen Zeitrahmen einzuhalten, aber wenn die Umstände es erfordern, wird eine gegebene Frist nach eigenem Ermessen ausgedehnt. Der Geschäftspartner wird darüber nicht informiert, was bei Deutschen schnell zu Unmut führen kann. Deutsche gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass bei auftauchenden Schwierigkeiten alle Betroffenen informiert werden. Es besteht eine Bringschuld. In den Geschäftskulturen Polen und Tschechien dominiert das Prinzip der Holschuld, d.h. man ist für die fehlenden Informationen selbst verantwortlich und muss sich beispielsweise bei einer verspäteten Lieferung die entsprechende Erklärungen selbst abholen.
Paternalistische Unternehmensführung
Die Familie nimmt in der tschechischen und polnischen Kultur einen sehr hohen Stellenwert ein. Im Geschäftsleben fällt daher auf, dass sich trotz klar definierter Hierarchiestufen in einem Unternehmen, die Führungskräfte immer für das Wohlergehen ihrer untergeordneten Mitarbeiter verantwortlich fühlen. Ist beispielsweise ein Mitarbeiter erkrankt, wird sein Vorgesetzter regelmäßig bei ihm zu Hause anrufen, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Die in Deutschland als angemessen empfundene Trennung zwischen Beruflichem und Privatleben, insbesondere wenn sich die betroffenen Mitarbeiter auf unterschiedlichen Hierarchieebenen befinden, existiert in vielen Staaten Osteuropas nicht. Stattdessen sind die Loyalitätsbande insbesondere nach unten besonders stark ausgeprägt.
Westlicher Arbeitsstil wird angenommen
Insbesondere die jüngeren Erwerbstätigen in Polen und Tschechien haben bereits viel von der deutschen Geschäftskultur übernommen. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass viele von ihnen fließend Deutsch oder Englisch sprechen und bereits im Ausland gelebt haben. Für deutsche Geschäftsleute gilt dennoch, den osteuropäischen Gastkulturen mit Respekt und Toleranz zu begegnen und keinesfalls ein überhebliches Verhalten an den Tag zu legen. Wer insbesondere die bestehenden kulturellen Unterschiede im Kommunikationsverhalten und im Zeitverständnis akzeptiert und nicht demonstrativ kritisiert, wird in zwei der gastfreundlichsten Länder Europas mit offenen Armen empfangen.
Katrin Koll Prakoonwit, Redaktion culture info
Dieser Artikel ist in Kooperation mit Going Global - Online-Beratung für Expatriates - entstanden.
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